Paradigmenwechsel Low-Code – Buchgespräche mit Kerstin Stier
Von Chiara Schultheiß
26. Mär 2026

Kerstin Stier ist Co-Gründerin und CEO der engomo GmbH und seit über 15 Jahren in den Bereichen Software, IT und Digitalisierung unterwegs. Mit engomo treibt sie Low-Code-Ansätze voran, die Unternehmen helfen, Prozesse schnell, flexibel und effizient umzusetzen – ohne riesige Budgets oder lange Projektpläne. Gemeinsam mit weiteren Expert/-innen der Low-Code Association wirkte sie am Standardwerk "Paradigmenwechsel Low-Code" – herausgegeben durch den Springer Verlag – als Autorin mit und beleuchtete dabei Themen wie Low-Code in Industrie 4.0, Intralogistik & Lagerprozessen, Low-Code & ERP-Integration sowie das Zusammenspiel von Low-Code und Künstlicher Intelligenz. Über diese Themen, zentrale Learnings und darüber, was sie motiviert hat, am Buch mitzuschreiben spricht Kerstin Stier im Interview mit der Low-Code Association.
Was hat dich motiviert, am Buch mitzuwirken?
Low-Code wird häufig im Kontext von Backoffice-Prozessen diskutiert – also bei Freigabeworkflows, Formularprozessen oder internen Verwaltungsabläufen. Das greift aus meiner Sicht deutlich zu kurz.
Im industriellen Umfeld sprechen wir über Kernprozesse wie Produktion, Lager, Qualitätssicherung oder Service. Dort gelten völlig andere Maßstäbe: Integrationsfähigkeit, Stabilität, Echtzeitfähigkeit und Security sind keine Zusatzanforderungen, sondern Grundvoraussetzung. Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz die Art und Weise, wie Anwendungen entstehen, grundlegend.
Mir war wichtig, diese beiden Perspektiven zusammenzubringen: Low-Code als Enabler für geschäftskritische Prozesse und Low-Code im Zusammenspiel mit KI als strategischer Beschleuniger. Wenn man Low-Code ernst nimmt, muss man es im Enterprise-Kontext denken – nicht nur als Werkzeug für Nebenprozesse.
Zu welchen Themen oder Fragestellungen hast du im Buch beigetragen?
Mein Fokus lag auf drei zentralen Themenfeldern.
Zum einen habe ich beleuchtet, welche Rolle Low-Code in industriellen Prozessen spielt. In Produktion, Lager und Intralogistik geht es darum, durchgängige, mobile und intuitive Lösungen für Frontline Worker bereitzustellen. Es darf kein Papier mehr geben, keine Excel-Listen und keine Medienbrüche. Anwendungen müssen ohne lange Einarbeitung funktionieren, robust sein und nahtlos mit ERP-, MES- oder WMS-Systemen kommunizieren. Low-Code ermöglicht genau diese Verbindung zwischen einer komplexen Systemlandschaft im Backend und einer einfachen, klaren Bedienoberfläche im Prozess.
Ein zweiter Schwerpunkt war die Verbindung von Low-Code und ERP. ERP-Systeme decken in der Regel etwa 80 bis 90 Prozent der Prozesse im Standard ab. Die verbleibenden 10 bis 20 Prozent verursachen häufig hohe Kosten, lange Projektlaufzeiten und dauerhaft erhöhte Wartungsaufwände. Low-Code ist hier ein strategischer Hebel, weil sich der ERP-Kern im Standard halten lässt, während individuelle Anforderungen außerhalb des Systems umgesetzt werden. Dadurch bleibt das ERP releasefähig und die Total Cost of Ownership sinkt langfristig spürbar. Das verändert die Logik von ERP-Projekten grundlegend.
Der dritte Themenblock betrifft das Zusammenspiel von Low-Code und KI. Mit KI entsteht aktuell eine enorme Dynamik, Stichwort Vibe Coding. Anwendungen lassen sich per Prompt generieren, und die Geschwindigkeit ist beeindruckend. Im Enterprise-Umfeld reicht Geschwindigkeit allein jedoch nicht aus. Governance, Wartbarkeit, Skalierbarkeit und Integrationssicherheit bleiben entscheidend. Deshalb liegt die Zukunft nicht im Entweder-oder, sondern in der Kombination: KI wirkt als Beschleuniger, Low-Code liefert die strukturierte und kontrollierbare Plattform, auf der diese Geschwindigkeit sinnvoll nutzbar wird.
Was war ein konkreter Auslöser aus der Praxis, der dich zu diesem Thema gebracht hat?
In der Praxis sehen wir immer wieder dieselben Herausforderungen in industriellen Unternehmen. Es gibt Medienbrüche zwischen Systemen, manuelle Datenübertragungen, schwer bedienbare Oberflächen und langwierige IT-Projekte, die enorme Ressourcen binden. Gleichzeitig steigt der Druck, schneller zu digitalisieren – bei gleichzeitigem Fachkräftemangel.
Parallel dazu hat KI Einzug in die Entwicklungsprozesse gehalten. Während der Entstehung des Buches wurde deutlich, dass KI-generierte Anwendungen im Enterprise-Kontext nur dann nachhaltig funktionieren, wenn sie auf einer sauberen strukturellen Basis aufsetzen. Genau hier entsteht eine neue Generation von Plattformansätzen, die Geschwindigkeit mit Governance verbindet. Diese Kombination aus industrieller Realität und technologischer Entwicklung war für mich der eigentliche Treiber.
Welche Missverständnisse, Mythen oder „Denkfehler“ begegnen dir in dem Kontext am häufigsten? Warum halten die sich so hartnäckig?
Ein zentrales Missverständnis im ERP-Umfeld lautet, dass Low-Code lediglich „Klick-Bunti“ sei und nicht Enterprise-tauglich. Dieser Denkfehler stammt aus einer Zeit, in der Individualsoftware zwangsläufig mit klassischem Hardcoding gleichgesetzt wurde. Über Jahrzehnte hat sich das Paradigma verfestigt, dass Enterprise automatisch komplex, teuer und langwierig sein müsse, um als wertig zu gelten.
Diese Gleichsetzung ist heute technologisch nicht mehr zwingend, wirkt aber kulturell weiter. Ein weiteres Missverständnis besteht in der Annahme, große IT-Projekte müssten zwangsläufig mehrjährige Transformationsprogramme sein. In vielen Organisationen wird Geschwindigkeit noch immer mit Kontrollverlust gleichgesetzt. Beide Denkmuster halten sich deshalb so hartnäckig, weil sie historisch gewachsen sind – nicht, weil sie technisch alternativlos wären.
Was würdest du dir wünschen, dass Leser nach der Lektüre deiner Beiträge anders sehen, besser einordnen oder mutiger angehen?
Ich wünsche mir, dass IT-Entscheider Mammutprojekte neu bewerten. Nicht jede Prozessdigitalisierung muss ein mehrjähriges Transformationsprogramm sein. Viele der beschriebenen Praxisbeispiele zeigen, dass sich Prozesse in Wochen statt in Jahren digitalisieren lassen, dass Systeme integriert werden können, ohne sie zu ersetzen, und dass Mitarbeitende aktiv in die Gestaltung eingebunden werden können.
Wenn Leser nach der Lektüre sagen: Wir können das pragmatischer und gleichzeitig strategischer angehen als bisher, dann ist viel erreicht.
Für wen sind deine Impulse besonders hilfreich und woran merken diese Personen, dass sie sich damit beschäftigen sollten?
Die Impulse sind besonders relevant für CIOs und IT-Leiter, aber ebenso für Fachbereichs- und Prozessverantwortliche sowie für Geschäftsführer in industriellen Unternehmen. Spätestens dann, wenn ERP-Anpassungen regelmäßig ausufern, Releasewechsel zur Belastungsprobe werden oder Fachbereiche beginnen, eigene Schattenlösungen zu bauen, sollte man das Thema strategisch betrachten.
Auch wenn mobile Prozesse nur teilweise digitalisiert sind oder KI im Unternehmen zwar diskutiert wird, aber noch kein strukturierter Rahmen existiert, ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Immer dann, wenn Geschwindigkeit gefordert wird, ohne dass Governance verloren gehen darf, entsteht genau das Spannungsfeld, das ich im Buch beschreibe.
Wenn du eine einzige Frage formulieren müsstest, die sich jede Organisation in dem Zusammenhang stellen sollte: Wie lautet sie?
Die zentrale Frage lautet: Wo blockieren unsere eigenen Systemstrukturen unsere Geschwindigkeit – und wie können wir sie entkoppeln, ohne Stabilität und Sicherheit zu verlieren?
Diese Frage führt direkt in die strategische Diskussion über Architektur, Plattformdenken und die zukünftige Rolle von IT.
Was war beim Schreiben deine größte Erkenntnis oder Überraschung?
Die größte Erkenntnis war für mich, wie stark sich die Rolle von IT gerade verändert. IT entwickelt sich vom reinen Umsetzer einzelner Anforderungen hin zum Architekten einer Plattformstrategie. Nicht mehr jede Funktion wird individuell programmiert, sondern es entsteht ein strukturiertes Ökosystem aus Standardlösungen, Low-Code-Plattformen und KI-Komponenten.
Diese Verschiebung ist tiefgreifend. Sie betrifft nicht nur Technologie, sondern auch Organisation, Governance und die Zusammenarbeit zwischen IT und Fachbereichen. Genau deshalb ist das Thema strategisch – nicht operativ.
Zum Buch: Paradigmenwechsel Low-Code
"Paradigmenwechsel Low-Code" ist das herstellerneutrale Standardwerk der Low-Code Association e.V. und bietet einen praxisnahen Überblick zu Grundlagen, Einsatzszenarien sowie Auswahl und Einführung von Low-Code- / No-Code-Lösungen. Im Buch lesen Sie alle Beiträge von Kerstin Stier und weiteren Experten und Expertinnen.
➡️ Hier geht's zum Buch: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-47126-2